Das Märchen von den drei Frauen

Es war einmal eine Königstocher, die war so jung und wunderschön, ihr Haar war so schwarz wie Ebenholz, ihre Haut so weiß wie Elfenbein und ihre Lippen so rot wie die Mohnblume. Sie hieß Rosanne und lebte glücklich mit ihren Eltern in einem prächtigen Schloss.

Sie lebte ein unbeschwertes Leben, tollte durch die Gärten, spielten mit anderen Kindern der Leute die im Schloss lebten und alle Welt hatte ihre Freude an dem sonnigen Kind. Der König und die Königin liebten ihr einziges Kind sehr.

An Rosannes 13. Geburtstag riefen die Eltern sie zu sich. Der König sprach zu ihr: "Liebes Kind, langsam werden wir alt und es ist an der Zeit, dass du beginnst zu lernen, was es heißt, ein Königreich wie das unsere zu verwalten. Wir haben daher die besten Lehrer aus allen Teilen der Erde kommen lassen und schon morgen beginnt der Unterricht." Rosanne war überhaupt nicht begeistert, hieß es doch von dem bisherigen freien Leben Abschied zu nehmen. Aber da sie ihren Vater sehr liebt, fügte sie sich.

Am nächsten Tag wurden ihr die Lehrer vorgestellt. Es waren alles würdige alte Männer mit langen Bärten. Sie breiteten alles Wissen was sie gesammelt hatten vor Rosanne aus. Sie sollte lernen wie man Dinge berechnete und maß, in fremden Sprachen zu sprechen, Worte aufzuschreiben, deren Sinn sie nicht verstand. So ging es viele Wochen und die Lehrer hatte ihre liebe Mühe mit dem Kinde, das so gar nichts anzufangen wußte mit ihrem Wissen. Rosanne hatte kaum noch Zeit zum spielen und wurde immer blasser.

Eines Abends setzte sich ihre Mutter zu ihr ans Bett, strich ihr mit der Hand über die Stirn und trocknete die Tränen, die Rosanne weinte. „Ich weiß, sprach die König, es ist nicht deine Welt, in die dein Vater dich einführen will. Aber vergiss nicht, es ist ein schweres Amt, das du eines Tages übernehmen wirst. Dein Vater glaubt daran, dass nur die beste Unterweisung dafür gut genug ist".

„Mutter", flehte Rosanne, „ich verstehe all die Dinge nicht, wozu sind sie wichtig? Oh, wenn es doch eine andere Möglichkeit gäbe zu lernen". Die König seufzte. „Ja früher, da gab es sie, aber niemand weiß heute mehr etwas davon". Schluchzend und todmüde schließ Rosanne ein, bereit sich in ihr Schicksal zu ergeben und morgen ganz bestimmt den Lehrern eine Freude zu machen und doch wünschte sie sich nichts mehr, als einen Tag wieder draußen spielen zu dürfen. Die Königin ließ Rosanne in der Obhut der alten Amme zurück.

Mitten in der Nacht, einer sehr dunklen Neumondnacht, weckte die Amme das Kind. Schnell Rosanne zieh dich, draußen steht ein Pferd für dich bereit und hielt ihr ein ledernes Wams und eine lederne Hose entgegen. Warum, wohin soll ich gehen, fragte Rosanne noch schlaftrunken, Ich habe einen Weg für dich gefunden, sagte die Amme, reite hinaus in den Wald und du wirst finden was du suchst.

Rosanne zögerte, aber dann witterte sie den Geruch der Freiheit, nur kurze Zeit den Lehrern entfliehen. Schnell zog sie sich an und lief in den Hof. Dort stand ein wunderschönes weißes Pferd, sitz auf Rosanne, sagte die Amme, es weiß wo es hin zureiten hat. Ehe Rosanne sich versah, war das Pferd im schnellen Lauf aus dem Tor hinaus und jagte durch die Nacht Richtung Osten. Ein wenig Angst hatte Rosanne schon, aber die Nacht roch herrlich und das Pferd war ganz ruhig.

Lange waren sie schon unterwegs. Rosanne war müde und schlief fast ein auf dem Rücken des Pferdes, außerdem wurde es Tag und die Sonne begann zu blinzeln. Da hielt das Pferd an. Sie waren mitten in einem Wald, den Rosanne noch nie gesehen hatte. Viele Vögel sangen um die Wette, seltene Blumen blühten und vor Rosanne murmelte ein kleiner Bach. Da trat eine junge schöne Frau auf Rosanne zu. Sie trug auch eine Hose und ein Wams aus weißem Leder und begrüßte das Mädchen, als wenn es sie schon lange kennen würde. Rosanne folgte der Frau in ihre Hütte im Wald. Nachdem sie ausgeschlafen und gut gegessen hatte, fragte die weiße Frau Rosanne, ob sie nicht eine Weile bei ihr blieben und ihr im Wald helfen wollte.

Die Königstochter war begeistert und stimmte zu. Kein Gedanke mehr an die alten grauhaarigen Lehrer.

Jeden Tag durchstreifte sie mit der jungen weißen Frau die Wälder und die Berge. Sie lernte die Sprache Tiere und die Lieder der Natur, sie tanzte mit Elfen und Feen auf traumschönen Lichtungen und badeten in kristallklaren Quellen mit den Wassergeistern. Die Tage waren ein neues Erlebnis für Rosanne. Sie lerne den Bogen zu gebrauchen, zu jagen und mit den Tieren zu sprechen, bevor sie sich erlegen ließen und sie zu ehren für ihren Tod, der ihnen Nahrung gab. Wichtig war, das wusste sie bald, nie mehr zu nehmen, als sie brauchte, zu danken und den anderen Tieren eine Gabe dazulassen, damit die Seele des Tieres zurückkehren konnte in den ewigen Kreislauf von Leben und Sterben.

Bald kannte sie jede Blüte und jeden jungen Sänger des Frühlings. Sie konnte an der Form der ersten Blätter jeden Baum erkennen und schnupperte an den jungen Moosen. Die Pilze mit ihren lustigen Hüten verrieten ihr ihre Geheimnisse. Sie lernte den ersten Zauber junger Frauen kennen, die Kraft des beginnenden Blutes, des zunehmenden Mondes und die Sehnsucht im Herzen nach dem Geliebten.

Eines abend stand das Zauberpferd wieder auf der Lichtung. Diesmal war es nicht weiß, sondern rot wie ein Fuchs. Rosanne war verwirrt, und fragte ihre junge Freundin was das bedeutet. Sie sagte ihr, dass ihre Zeit bei ihr zu Ende sei, dass sie alle gelernt habe was sie braucht und nun weiterziehen müssen gen Süden. Rosanne war traurig und doch reizte sie das neu Erlebnis. Und sie nahm lange Abschied von der weißen Freundin.

Es war diesmal zunehmender Mond als sie weg ritt und wieder entführte sie das rote Pferd in einem atemberaubenden Tempo in die Nacht.

Am Mittag, die Sonne stand im Zenit, kamen sie in einer sanften hügeligen Landschaft an. Wiesen und reich bestellte Felder, Beerensträucher und reich blühende Obstbäume, so weit das Auge reichte. Mitten darin ein großes Haus, das sehr einladend aussah. Rosannes Pferd ritt darauf zu und blieb davor stehen. In der Tür stand eine Frau in der Blüte ihres Lebens, sie trug ein rotes Kleid und um sie herum spielte eine Schar Kinder. Als sie die Frau so ansah, erschien es Rosanne das sie wie die weiße Frau aussähe, bei der sie zuletzt lebte. Bevor sie aber weiter nachdenken konnte, hieß die Frau sie absteigen ins Haus kommen. Sie stellt ihr wunderbare Speisen hin, duftendes frisch gebackenes Brot, Schüsseln voll Gemüse und Obst. Sie fragte, Rosanne, ob sie nicht den Sommer bei ihr bleiben wollte. Rosanne war einverstanden und es wurde ein prächtige Zeit. Am Abend kam der Mann und Vater der Kinder nach Hause, er war draußen auf der Jagd gewesen und nun gab es genug zu essen.

Er lehrte sie die Kunst des Schwertes, die Kunst der Krieger. Nie anzugreifen, sondern ihre Kraft zu konzentrieren, stolz und aufrecht durch die Welt zu gehen, zu wissen, dass nichts wirklich Schrecken sein kann, so lange ihr Herz und ihre Gedanken frei sind von Neid und Missgunst. Er, der Herr der Vegetation, lehrte sie Ehrfurcht zu haben vor der Schöpfung und sich immer wieder mit ihr zu verbünden.

An den beiden sah sie die Freuden der Liebe, der Elternschaft und lernte, wie ihr Körper erwachte zur Frau. Sie wusste, dass auch ihr Gefährte auf dem Weg zu ihr war und jede Frau nur einen wirklichen Gefährten haben kann.

Sie lernte die Felder bestellen, erfuhr wie die Erde sich anfühlte und duftete, konnte Brot backen und aus den Früchten der Bäume und Sträucher herrliches Mus kochen. Aus den Kräutern die sie gesammelt hatten, lernte sie Heilmittel herstellen gegen allerlei Beschwerden. Sie spielte mit den Kindern ausgelassene Spiele, abends am Feuer, wenn sie mit den Feuergeistern tanzten. Oder saß abends im Vollmondlicht vor dem haus und hörte der roten Frau zu, wenn sie alte Lieder sang, die die Erde liebkosten, vom Zauber der vollen Mondin und der Magie und der Kraft des Frauenblutes und lernte all diese Dinge voll Freude. Manchmal webten sie herrliche Stoffe mit Mustern von Tieren, Pflanzen und Menschen, die sie noch nie gesehen hatte. Der Sommer verging so schnell und als der letzte Baum abgeerntet und der letzte Getreidehalm eingebracht und die Felder still und leer da lagen, die Erdgeister sich zurückzogen, dankte die rote Frau Rosanne für ihre Hilfe und sagte ihr, dass sie nun weiterziehen müsse.

Rosanne ging schweren Herzens nach draußen und dort stand das Pferd. Diesmal war es schwarz. Nach der letzten Sommervollmondnacht machte sie sich wieder auf den Weg und überließ es dem Pferd, wo es sie hintragen würde.

Diesmal wurde die Landschaft im Norden immer unwirtlicher, steiniger und kahl. Der Wind war eiskalt. Nur kümmerliche Pflanzen wuchsen hier noch. Große graue und schwarze Vögel begleiteten ihren Weg. Trotzdem der Weg immer felsiger wurde und es abnehmender Mond war, fand das Pferd sicher seinen Weg. In einer tiefen Schlucht, zwischen schroffen Felshängen, da wo nichts mehr blühte, fand die ein kleines haus. Sie stieg von ihrem Pferd und klopfte an der Tür. Eine alte weißhaarige Frau in einem weiten schwarzen Umhang öffnete ihr. Rosanne erschrak, aber dann sah sie, dass die Frau so gütige Augen hatte, die ihr so bekannt vorkamen. Auch die schwarze Frau bat sie herein und fragte sie, ob sie nicht den Winter bei ihre bleiben und ihr und den Raben Gesellschaft leisten wolle. Rosanne nahm dankend an.

Sie verbachten den Winter mit Spinnen. Viele Knäuel entstanden so. Die alte Frau erklärte ihr, dass es die Geschicke der Menschen sind, die sie hier spinnen. Die einen haben einen kurzen Faden und die anderen einen längeren, aber alle müssen ihr Knäuel aufwickeln. Sie lernte in der Kristallkugel Bilder zu sehen, zwischen den Welten zu gehen und die Seelen und die Sprache der Steine zu verstehen. Wenn sie am warmen Ofen saßen und draußen der Schneesturm heulte, erzählte die Alte ihr Geschichten vom Beginn der Sterne, der Erde und den Menschen. Manche Nacht fuhren sie mit einem Schlitten, gezogen von schwarzen Pferden durch die Nacht und die Alte schaute draußen nach dem rechten und die holte die Seelen der Toten zu sich, damit sie sich bei ihr bis zum nächsten Frühling ausruhen konnten.

Die Würde, Weisheit und Schönheit des alterns im Leben der Menschen wurde ihr hier klar. Sie lernte über die Zeit der Frauen, der Schwarzmondfrauen, die nicht mehr bluten und ihre ganze Kraft wieder den Menschen und der Göttin schenken konnten. Die Kraft der Ahnen lehrte sie über diese Begegnung Kontakt aufzunehmen mit den anderen Welten, in denen sie lebten.

Auch dieser Winter ging zu Ende. Als die ersten Vögel wieder zu singen begannen, sprach die Alte zu Rosanne. „Mein Kind, du hast einen vollen Jahreskreis durchwandert. Du bist durch den Frühling, den Sommer, in den Winter, den Tod gegangen. Nun ist Deine Aufgabe erfüllt und du mußt nach Hause zu Deinen Eltern zurückkehren. Morgen früh wird das Pferd wieder da sein und dich wieder nach Hause bringen. Du hast gelernt, was Leben und Sterben ausmacht und du wirst deinem Land eine gute Königin sein. Bald werden junge Männer um deine Hand anhalten. Wähle sorgfältig den, der dich nicht mit weltlichem zu blenden versucht."

Rosanne schlief die letzte Nacht sehr unruhig. An zu hause hatte sie gar nicht mehr gedacht und neben der Freude war auch ein bisschen Angst um ihre Eltern, was wohl aus ihnen geworden war. Am nächsten Morgen war strahlender Sonnenschein und ein junger Frühlingstag. Als sie in die Stube der schwarzen Frau kam, saßen dort auch die beiden anderen Frauen. Die weiße Frau und auch die rote Frau. Alle 3 Frauen waren Schwestern, deshalb sahen sie sich so ähnlich. Sie hatten in der Nacht einen Umhang für Rosanne gesponnen und gewebt. Sie erkannt die Tiere und Pflanzen aus dem Frühlingswald wieder auch die reifen Getreidefelder und die roten Äpfel des Sommers, aber auch die schwarzen Vögel des Winters.

Die 3 Frauen lachten und legten Rosanne den Umhang um und sprachen. Schwester geh zurück in die Welt. Der Mantel wird dir helfen, die dinge nicht zu vergessen, die du bei uns gelernt hast und die die Welt zusammenhalten.

Rosanne stieg auf das Pferd, das nun wieder weiß war und ritt zurück. Als sie sich nochmals umdrehte, waren die Frauen verschwunden. Sie verließ das Winterland, das Sommerland und das Frühlingsland.

Langsam wurde es Mittag, die Sonne stieg höher und die Landschaft erinnerte sie an ihre Heimat. Am Ende eines Waldes erkannte sie in einiger Entfernung das elterliche Schloss und sie trieb das Pferd an schneller zu laufen. Schon waren sie durch das große Tor in den Hof geritten, ohne dass sie jemand erkannt hatte. Sie fragte nach dem König und der Königin. Ach sagten die Leute, sie sind alt und krank geworden. Ihre liebste Tochter ist vor 6 Jahren verschwunden. Überall haben sie sie gesucht und nirgends gefunden. Jett im 7. Jahr seit Rosannes verschwinden, werden sie wohl bald sterben. Aber was soll aus uns werden, wer wird unser Land regieren, klagten die Leute weiter? Rosanne war sich gar nicht bewusst, dass sie so lange weg gewesen war. Nurt die alte Amme erkannte sie, lächelnd nahm sie die Zügel von Rosannes Pferd und führte es weg.

Rosanne beeilte sich in das Zimmer der Eltern zu laufen und fand die beiden alten in stummer Trauer. Als die Mutter sie sah, kam en Leuchten in ihre Augen, sie erkannte ihr Kind sofort wieder, auch der Vater streckte die knochige Hand nach ihr aus und begrüßte sie mit Tränen in den Augen. Rosanne fiel den beiden um den Hals und alle weinten. Dann erzählte se die Geschichte ihrer Reise und von den 3 Frauen und was sie gelernt hatte. Der Alte König sprach nach einiger Zeit, „ja Tochter, das war mehr, als alle Gelehrten der Erde hätten dir beibringen können. Nun bist du wieder bei uns in 3 tagen soll es ein großes Fest geben und die sollst jetzt die Königin unseres Landes sein."

Die Nachricht von Rosannes Wiederkehr und dem bevorstehenden Fest verbreitete sich in Windeseile. Alles wurde für das große Fest vorbereitet, viele Gäste wurden eingeladen, das ganze Land sollte ihre Wiederkehr feiern.

Am Festtag kamen Scharen von Menschen in das Schloss. Auch viele junge Männer, die von Rosannes Schönheit gehört hatten, kamen um um ihre Hand anzuhalten. Es wurde ein rauschendes Fest, alle lachten, sangen, tanzten, weil die Königstochter wieder zu Hause war. Rosanne sass mit dem Umhang der 3 Frauen auf dem Thron neben ihren Eltern. Die jungen Freier brachten ihr Geschenke. Schmuck, schöne Teppiche, Kleider, edle Pferde und ganze Länder legten sie ihr zu Füßen. In Wettkämpfen, zu Schwert, mit Schwertern und Lanzen fochten sie um ihre Gunst. Aber sie schüttelte nur den Kopf. Die edelsten der Edlen in schimmernden Rüstungen versuchten vergeblich die schöne Rosanne für sich zu gewinnen.

Zuletzt kam einer auf einem weißen Pferd mit einem einfachen Umhang, der aus dem gleichen Stoff war wie Rosannes Umhang. Sein Gesicht war hell und licht, seine Augen offen und strahlend. Er blieb vor ihr stehen, schenkte ihr eine weiße Taube, einen roten Feuervogel und drei 3 schwarze Raben. Da wusste Rosanne, der und kein anderer war ihr Gefährte. Auch er war bei den 3 Frauen gewesen und nur mit ihm konnte sie das Land regieren leben und lieben. Ihm gab sie ihre Hand und alle waren zufrieden mit ihrer Wahl. Das Land blieb blühend, friedlich und schön, die Menschen glücklich und zufrieden. Überall erzählte man von dem wunderschönen Paar und seinen Kindern.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute glücklich und zufrieden.

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